AMY
The Good
Doch fangen wir mit den Dingen an, die mich damals so begeistert haben und auch im fertigen Spiel – zumindest von der Idee her – gelungen sind. Die Story schmeißt euch ohne weitere Erklärungen in einen Zug, der kurz nach einer gleißenden Explosion am Horizont entgleist. Wenig später wacht Lana, die Protagonistin des Spiels, auf und muss entsetzt feststellen: Amy, das kleine Mädchen, das sie auf ihrer Reise begleitet hat, ist verschwunden. Prompt machen wir uns natürlich auf die Suche nach der Kleinen, stellen aber schnell fest, dass hier irgendetwas verdammt schief gelaufen ist. Sämtliche Passagiere und auch sonstige Zivilisten im Bahnhofsbereich sind zu blutrünstigen Monstern mutiert und wollen den beiden Damen an den Kragen. Die Tatsache, dass die achtjährige Amy auch noch autistisch ist, macht das Überleben dabei nicht unbedingt einfacher, versteht die Kleine doch nicht so wirklich, was um sie herum passiert. Daher ist in diesem Spiel das oberste Gebot: Auf Amy aufpassen! Folglich dürft ihr die Kleine schön an die Hand nehmen und mit ihr gemeinsam durch dunkle Korridore schleichen, um den bösen Monstern aus dem Weg zu gehen. Coole Idee: Nur, wenn ihr R1 gedrückt haltet, haltet ihr Amys Hand fest - und wenn sie Angst hat (etwa, weil es dunkel ist oder Gegner in der Nähe sind), spürt ihr ihren erhöhten Puls in Form von Vibrationen des Controllers.Doch Amy ist bei Weitem keine nervige Klette – schließlich gibt es nichts, was Gamer mehr hassen, als Escort-Missionen – denn die Kleine ist zuweilen verdammt nützlich. So kann sie nicht nur durch (ziemlich offensichtlich) platzierte Löcher in der Wand kriechen, um euch eine Tür zu öffnen oder eine Schlüsselkarte zu holen, sie ist auch technisch sehr begabt und hackt problemlos Kontrollpanels. Zudem verfügt Amy über mysteriöse Kräfte, die sie nutzen kann, sobald sie ebenso fremdartige Symbole von der Wand abmalt. Daraufhin könnt ihr dann Sphären erschaffen, in denen keine Geräusche erzeugt werden, oder aber Gegner und schwache Wände mit einem Windstoß umpusten. Die erste Fähigkeit wird vor allem dann nützlich, wenn Gegner in der Nähe sind, denn Lana ist alles andere als eine begabte Kämpferin und kann sich nur mit Müh und Not gegen die Monster zur Wehr setzen. Noch dazu gehen die Waffen dann auch noch schnell kaputt, sodass man nicht unbedingt ständig auf Konfrontation aus sein sollte. Erzeugt ihr aber eine dieser Sphären, könnt ihr problem- und lautlos sprinten, Fenster einschlagen oder über Glassplitter schleichen.
Klingt alles toll, oder? In den ersten paar Stunden ist es das auch noch, denn die Atmosphäre des Spiels ist wirklich sehr beklemmend und es gelingt den Entwicklern nicht nur, eine Bindung zur kleinen Amy zu erzeugen, sondern auch den Kern des Survival Horror-Genres zu treffen: Die Angst ums Überleben. Hier schleicht ihr nicht, weil es cool aussieht oder weil ihr so einfach einfacher an Gegnern vorbeischleichen könnt, sondern weil ihr wirklich ein wenig „ängstlich“ seid. Hin und wieder gibt es dann auch mal das eine oder andere platzende Leitungsrohr, das dann für kleine Schockmomente sorgt.The Bad
Wie gesagt – in den ersten Stunden macht AMY sogar Spaß. Da fällt gar nicht so richtig auf, dass man gerade den Strom abschaltet, um einen unter Strom stehenden Zaun zu passieren, wir an diesem dann aber das Tor mit Hilfe eines Schalters öffnen – sicherlich eine zweite Stromversorgung… Und auch die Tatsache, dass man nicht so richtig weiß, was vor sich geht, ist anfangs noch irgendwie ganz fesselnd, hat man doch die Hoffnung, am Ende alles zu erfahren. Ich kann euch schon mal spoilern: Ihr erfahrt so gut wie nichts. Aber dazu später mehr. Es gibt nämlich einfach ein paar Dinge in AMY, die das Spielen ziemlich frustrierend machen.
Eines der interessantesten Features des Spiels ist zugleich auch eine der größten Krücken: Lana ist ebenfalls infiziert. Das ist interessant, weil sie sich immer mehr in eines dieser Monster verwandelt, wenn sie nichts dagegen unternimmt. Heilung gibt es entweder durch Spritzen, Gasmasken der Soldaten – die übrigens ausnahmslos alles über den Haufen schießen – oder Amy, denn aus irgendeinem Grund ist sie offenbar ein wandelndes Heilmittel. Doch die Infektion hat auch Vorteile, denn wenn es um euch so richtig schlecht steht, könnt ihr – aber auch nur ihr – unbemerkt an den Gegnern vorbeischlendern. Doof ist dabei nur, dass ihr einfach ohne Vorwarnung sterbt, wenn ihr euch zu lange in dieser „zombifizierten“ Phase befindet. Was zu lange ist? Nun, da müsstet ihr euch eigentlich einen Timer stellen, denn so wirklich teilt euch das Spiel das auch nicht mit. Zwar habt ihr auf eurem Rücken – ähnlich wie in Dead Space – einen farbigen Indikator für euren Gesundheitszustand, der ist aber nur in Grün, Gelb/Orange und Rot eingeteilt. Klar, rot ist nicht gut, rot heißt aber auch: problemlos Gegnern aus dem Weg gehen. „Schaffe ich es noch, da vorne an den beiden Gegnern vorbeizulaufen? Mal sehen… ARG, VERDAMMT, TOT!“Dabei handelt es sich übrigens nicht um einen Weg, das Spiel ein wenig einfacher werden zu lassen – später ist es absolut nötig, in den roten Bereich zu gelangen, um an haufenweise Gegnern vorbei zu kommen. Und weil ihr im Vorfeld nicht wisst, was auf euch zukommt, heißt es hier: Trial & Error. Dass die Checkpoints dabei seeeeehr spärlich gesetzt sind, macht das Ganze nicht viel angenehmer.
Warum hauen wir die Kerle also nicht einfach um? Nun, wie gesagt, Lana ist kein Naturtalent im Umgang mit Waffen und im Endeffekt stehen ihr ohnehin nur eine Brechstange oder ein Stück Holz zur Verfügung – Schusswaffen oder andere Dinge gibt es hier nicht. Das Kampfsystem ist recht simpel gehalten: Mit einer Taste schlagt ihr zu, mit der anderen weicht ihr aus. Schade nur, dass es sich letztendlich auch so klobig spielt, wie es auf der gamescom 2011 noch aussah. Da hat man dann schon aufgrund der schlechten Steuerung keine Lust aufs Kämpfen und versucht, wirklich allen Gegnern aus dem Weg zu gehen. Um es kurz zu machen: Jeder Kampf ist ein Krampf, und weil eure Prügelutensilien nach wenigen Auseinandersetzungen reif für den Schrott sind, seid ihr auch nicht selten unbewaffnet und damit komplett wehrlos.The Ugly
All diese Dinge sind nervtötend, aber noch weitestgehend erträglich. Was soll ich sagen? Man gewöhnt sich daran. Bis zu diesem Punkt würde AMY vielleicht im 70er Wertungsbereich landen, wenn da nicht ein paar Dinge wären, die das Spiel nicht nur kaputtmachen, sondern auch noch eine Frechheit sind. Fangen wir mit der Story an, bei der ein gigantischer Fehler gemacht wurde: Jeder, wirklich jeder Charakter im Spiel – selbst Lana – weiß mehr über die aktuellen Geschehnisse als der Spieler selbst. Permanent fragt man sich, was zum Teufel hier vor sich geht, während die Charaktere in Dialogen (meist über Funk) Schlüsse ziehen, die man kaum nachvollziehen kann. Offensichtlich weiß man nämlich um Amys Fähigkeiten Bescheid und hat diese zuvor in einem Forschungszentrum untersucht. Und offenbar ist es auch gar nicht so ungewöhnlich, dass nun alle als Zombies umherlaufen, denn Lana nimmt das Ganze doch ziemlich nüchtern auf und zeigt kaum Emotionen. Diese werden nur durch die kleine Amy vermittelt, der man die Angst auch wirklich abkauft. Und das schlimmste an der ganzen Sache ist: Bis zum Ende werdet ihr kaum darüber aufgeklärt, was da vor sich geht. Kurzum: Die Story, oder vielmehr die Idee, ist wirklich gut gelungen. Zwei verzweifelte Vertreter des zarten Geschlechts, die nach einer verheerenden Katastrophe um ihr Überleben kämpfen und sich nicht nur gegen furchteinflößende Zombies, sondern auch noch gegen das Militär zur Wehr setzen müssen – daraus ließe sich sicherlich ein toller Horror-Streifen drehen. Es ist auch guter Stoff für ein Videospiel, nur dann darf man die Erzählung der Geschichte nicht so dermaßen verhunzen, wie es VectorCell getan hat.
Und zum krönenden Abschluss dieser Geschichte rund um einen weiteren pulverisierten Diamanten ist das Spiel einfach noch nicht einmal fertig. Nein, ich meine nicht die Steuerung, die vielleicht an alte Titel wie Resident Evil erinnern und dadurch den Fokus auf Survival Horror hervorheben soll. Ich meine auch nicht die Geschichte, die so lückenhaft ist wie ein Schweizer Käse. Es ist vielmehr der Umfang des Spiels. 6-10 Stunden dauert das Abenteuer etwa – das ist gar nicht mal schlecht für einen Downloadtitel zu diesem Preis. Und auch die Abwechslung im Spiel ist ganz gut gelungen – mal ist Action angesagt, mal schleicht ihr durch die Gegend, mal hackt ihr hier ein Terminal und lasst Amy da ein paar Rätsel lösen – meist unter Einsatz ihrer Fähigkeiten. Aha! Die Fähigkeiten! Zwei davon gibt es im fertigen Spiel – das entsprechende Auswahlmenü bietet aber Platz für die dreifache Anzahl. Wo ist der Rest? Offenbar dem verfrühten Release zum Opfer gefallen. Zwar hat man von Anfang an geplant, das Spiel episodenweise fortzusetzen, doch ich wage zu bezweifeln, dass wir Amy und Lana noch einmal über den Bildschirm schleichen oder kämpfen (übrigens bisher auch mit nur zwei Waffen, die spielerisch identisch sind) sehen werden. In den USA ist das bizarre Plattform-Actionspiel Catherine schon seit einer ganzen Weile erhältlich, während wir hierzulande noch bis Februar warten dürfen, bis wir uns zwischen Katherine und Catherine entscheiden müssen. Offiziell erscheint der Titel bisher nur für PS3 und Xbox 360, allerdings gibt es offenbar zur Zeit Gerüchte rund um eine PC-Fassung. So berichten [...]
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