Eines vorab: Diese Kolumne ist nicht eine der Art „Scheiss Killerspielverbot, die Politiker haben keine Ahnung wovon sie reden, etc. blabla“, sondern eher das Gegenteil. Ist der Anteil an medialer Gewalt mittlerweile auf einem Level, auf dem wir ihn bewusst wahrnehmen, in uns aufnehmen und einfach so unterdrücken? Oder spielt sich in unserem Unterbewusstsein etwas ganz anderes ab? Wissenschaftlich sicherlich eine Frage, die wir als Redaktion schlecht beantworten können, aber das, was wir herausstellen können ist: Inwiefern beeinflussen uns die Medien und die Gewaltdarstellung in TV-Medien und Videospielen? Jetzt erschließt sich auch sicherlich unsere kürzlich veröffentlichte Umfrage im Forum, wo wir euch gebeten haben, den Einfluss von Gewalt in Videospielen einmal näher zu beschreiben. Vielen Spielern genügt – jetzt ganz abgesehen von unserer Umfrage – die Ausrede, dass Videospiele niemals als Tutorium für die Realität gesehen werden können. Wer also regelmäßig virtuelle Blutbäder veranstaltet, wird nicht zwangsläufig zum Amokläufer. Vor fünf Jahren wäre ich stolz darauf gewesen, Manhunt 1 uncut gespielt zu haben. Brutal, zynisch, abstoßend, gesellschaftskritisch. Doch man wird nicht jünger und jetzt, mit 21 Jahren, weiß ich: Irgendwie sind wir alle doch Opfer und Täter zugleich. Gewalt gab es schon immer Es ist ja nicht so, dass die Gewalt in Medien erst durch Erfurt ins Leben gerufen wurde. Schon in der Vergangenheit gab es Gewalt – und da noch viel schlimmer als es uns Videospiele derzeit vorführen. Auch die Darstellung der Gewalt war nicht minder „schön“. Erinnert sich einer an den Trash-Film „Braindead“? DAS ist Gewalt im Exzess. Das ist pervers. Manche finden den Film „cool“, andere „lustig“. Wenn man ein Paradebeispiel für Gewaltverherrlichung nehmen möchte, dann bitte diesen Film. Da wir hier aber nicht Perversionen ausleben wollen, gibt es keinen Link zu Filmszenen oder anderen Ausschnitten des Films. Nun ein Beispiel aus der Videospielszenerie. Da gibt es mindestens genau so viele Beispiele wie im Filmbereich. Condemned, Postal, Manhunt, No More Heroes, No One Lives Forever, Duke Nukem, Doom, Quake und so weiter und so fort. All diese Spiele leben für einen Zweck: Menschen töten und das auf brutale Art und Weise. Gut, Quake und Doom fallen schon irgendwie heraus, die Gewaltdarstellung in diesen Spielen ist aber dennoch erschreckend. Wo sind die Grenzen bei medialer Gewalt? Ich wage zu behaupten, dass es sie schlichtweg nicht mehr gibt. YouTube sei Dank, denn wo sonst kann man sich Videos anschauen, in denen Autofahrer tödlich verunglücken oder ein Mann von einem Bus erfasst wird und zwei Blöcke weiter aufschlägt? Dieser Tabubruch entsteht aber nicht aus Jucks, sondern durch Konventionen, die uns die Gesellschaft beibringt. Es mag zynisch klingen, aber ein Tabubruch zeigt jedes Mal genau das, was niemand aussprechen will und weißt in irgendeiner Form doch genau das auf, was die Realität wirklich ausmacht. Wir leben in keiner Welt, die fröhlich, lustig und schön ist – ganz im Gegenteil. Täglich sterben Menschen durch Anwendung von Gewalt – die Medien zeigen das entweder gar nicht (sie müssen ja auch einen guten Ruf bewahren) oder übertreiben es maßlos, dann aber auch nur in wörtlicher Form, gezeigt wird trotzdem nichts. Wenn die Politiker davon sprechen, dass Eltern und insbesondere Lehrkörper und weitere Medien „Medienkompetenz“ erlernen müssen, dann ist das absolut richtig, schließlich sind die Eltern für die Entwicklung der Kinder verantwortlich, nicht aber die Videospielindustrie, wie es Beckstein, Schünemann und von der Leyen immer so gerne sagen. „Gewalt gehört einfach dazu!“ sagen alle Spieler ganz empört, wenn ein Spiel zensiert oder gar stark beschnitten wird. Ja, richtig, aber auf der anderen Seite muss man sich fragen: Braucht man sie [die Gewalt] wirklich so unbedingt? Der Widerspruch in sich Ich kann mich noch sehr genau an den Tag erinnern, als ich aus dem Film „The Hills Have Eyes 2“ kam und mich etwas umgehört habe, wie die Zuschauer den Film fanden. Manche sagten: „Boah, die Szene, wo der eine den Arm verloren hat war geil!“ oder auch „Neein, die Szene, wo der Mutant die Frau am Tisch genagelt hat war cool!“. Da kräuseln sich mir doch glatt die Nackenhaare. Wie kann man solch eine Grenzüberschreitung noch gut finden? Schlimmer noch: geil und cool regieren mittlerweile unser Konsumverhalten. Kein Wunder, dass Spiele, die wirklich viel Gewalt intus haben, sich verdammt gut verkaufen, denn jeder Spieler und Filmzuschauer will den nächsten Kick erleben, die Dosis darf nicht abgesetzt werden. Was früher total verpönt war, ist heute Realität. Zwar wird es nicht postwendend in der Realität nachgemacht (Gott sei Dank!), aber schon alleine die Akzeptanz der Gesellschaft über die wirklich reine Gewaltverherrlichung (nach Definition sogar) komplettiert durch die reine Übertreibung dieser ergibt eine doch explosive Mischung. Umso schlimmer, dass Kinder, die solche Filme oder Spiele wie No More Heroes nicht sehen/spielen dürften, es trotzdem tun. Auf diese Art und Weise verdirbt man schlussendlich im Unterbewusstsein des Kindes den Charakter und hebt zugleich eine gewisse Hemmschwelle gegenüber Gewalt auf. (Dieses Video ist ein Vergleich der Jap/De- und US-Version! In Deutschland sieht man kein Blut, was also mit dem Video oben links bewiesen wird) Paradox wird es aber erst, wenn man die aktuelle Diskussion um Killerspiele näher und genauer betrachtet und analysiert. Viele Spieler sagen, dass sie gar nicht auf die Gewalt in Videospielen achten, sie ihnen schnurzpiepegal ist. Und dennoch lehnen sie vehement ein Verbot der Gewalt ab. Und da frage ich mich: Warum? Ist das nicht irgendwie eine Doppelmoral, die dahinter steckt? Eine Doppelmoral, die besagt: „Gewalt muss sein, ich kann mit und ohne, aber sie darf nicht verboten werden!“. Auch in Umfragen diverser TV-Medien hat sich folgendes Ergebnis eingependelt: Gewalt ist kein Kaufgrund, dennoch verkaufen sich eben jene Spiele am besten. Ein glatter Widerspruch in sich. Doch jetzt kommt die ultimative Frage: Wenn keiner darauf besteht, Menschen mit einer Kettensäge abzuschlachten, warum baut man es trotzdem in Spiele ein? Warum regen sich alle über die Hot-Coffee-Mod in GTA III auf, sagen aber keinen Ton zur deutlich realistischeren Darstellung von Sex in GTA IV? Und trotzdem: Warum bauen die Entwickler solche Dinge überhaupt mit ins Spiel ein? Ist es cool? Realistisch? Zynisch? Alles falsch. Es ist einfach da. Kein Entwickler fragt sich mittlerweile nach Sinn und Zweck von Gewalt, denn aus dem Tabuthema wurde inzwischen ein handfestes Marketingsegment, das es nun auszubaden gilt. Wenn in No More Heroes Blutfontänen aus den abgetrennten Gliedmaßen des Menschen strömen, wirkt das bei weitem nicht mehr abschreckend, sondern „geil“ oder „cool“. Und wenn die nette Dame in aufreizender Kleidung Nico gerade im Auto oral befriedigt, sitzt der heutige Spieler nicht mehr beschämt auf dem Sofa, sondern feuert ihn wohlmöglich noch an: „Halt durch, Nico.“.
Es ist ja das gute Recht eines jeden Bundesbürgers, Medien unzensiert zu sehen, doch das Recht einzufordern, Gewalt unzensiert sehen zu wollen und sich anschließend zu wundern, dass schon Kinder gewalttätig werden, alte Menschen mit Anwendung von Gewalt ausrauben, sie krankenhausreif prügeln oder schwangere Mütter ins Koma treten, ist etwas pervers. Schlimmer noch als das ist die Ignoranz in unserer Gesellschaft, dass kaum einer zu Hilfe eilt, wenn wieder jemand öffentlich verprügelt wird. Dass jeder Bürger ein Recht auf unzensierten Konsum aller Medien hat, ist ja schön und gut, aber warum muss man denn auch wirklich auf jedes Recht so vehement beharren? „Weil es da ist“ mag man sagen, aber dann muss man sich andersherum fragen, woher diese Aussage rührt und warum man das wirklich sagt. Adam SmiejaChefredakteur In Teil 2 unserer Artikel-Reihe werden wir euch diverse Umfragen, die wir auf den Straßen Deutschlands und im Forum gemacht haben, vorführen und kritisch analysieren! Teil 2 erscheint am 14. Mai 2008. |
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