Jetzt mal Hand aufs Herz, lieber Leserinnen und Leser. Wer von euch hatte nicht mindestens ein mal den Gedanken gehabt: „Ich hab kein Bock mehr!“? Nicht aus Frust, weil man schon zum xten Mal an einem Level gescheitert ist, sondern viel mehr deswegen, weil das gespielte Spiel einfach auf Dauer nicht mehr unterhalten kann. Ist die mittlerweile vorgesetzte Suppe versalzen? Kann man sie nicht neu würzen, sodass sie immerhin einen ordentlichen Beigeschmack hat? Wie viel Salz wurde mittlerweile in die früher mal so gute Suppe geschüttet und kann die Industrie die leckere Brühe noch retten? Ja, sie kann es! Der gute Chief Executive von EA, Herr John Riccitiello, sagte persönlich im englischen Original: „
We're boring people to death and making games that are harder and harder to play“. Die deutsche Übersetzung fällt leicht: „
Wir langweilen die Menschen zu Tode und entwickeln Spiele, die immer schwerer zu spielen sind“. Und der gute Mann hat vollkommen recht! Gerade Electronic Arts hat sich endlich das getraut auszusprechen, was wohl auch viele andere Entwickler bereits wissen. Videospiele werden langweilig. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich privat fast gar nicht mehr spiele, weil die ganzen Spiele alle gleich und eigentlich nur für Grafikhuren wie mich interessant sind. Wenn ich ein Spiel testen muss, dann messe ich es an einem ganz anderem Standard, nämlich an dem, wo es mir anfängt Spaß zu machen. Kein Wunder also, wenn ich Spiele wie
Brothers in Arms DS total in Grund und Boden rede – es war der reinste Allerweltsshooter, den man seit Jahren kennt und hasst. Brothers in Arms DS hat keinen Spaß gemacht, weil es total normal war.
Und seien wir mal ehrlich. Auch wenn Killzone 2 richtig gut aussieht, wen zum Teufel interessiert die Grafik? Gut, mich, aber mittlerweile will ich auch ein ausgeklügeltes Prinzip haben, ein Gameplay, das ich nicht schon bei hundert anderen Spielen gespielt habe. Ich fasse mir auch heute noch an den Kopf, wenn ich die Wertungen anderer Magazine zu Gears of War sehe. Wie kann man diesem Spiel bloß Wertungen jenseits von 92% geben? Es bietet außer einer astreinen Grafik rein gar nichts. Das Spiel ist mindestens genau so spannend wie dem Gras beim Wachsen zuzusehen. Nachdem ich mir das sechste Mal hinter eine Mauer geworfen habe, hatte ich schon keine Lust mehr auf das Spiel, weil es total borniert ist. Ich stelle mich hinter eine Wand, tacker am besten den RT-Button zu und ziele auf den Feind; gelegentlich lade flugs nach, danach geht das Spielchen von Neuem los.
Früher war alles einfach besser. Da habe ich mit Begeisterung noch ein Spiel in den Händen gehalten, habe mich vor Mario Kart 64 beispielsweise mehrere Stunden gesetzt, nur um eine blöde Abkürzung zu schaffen und um diese im Anschluss zu perfektionieren. Heute erhalte ich ein Testmuster (oder kaufe es mir, was jedoch nur sehr selten passiert aus den oben genannten Gründen), spiele es weitgehend bis ganz durch und stelle es in die Ecke, weil es der übliche Einheitsbrei ist. Wann habt ihr zum letzten Mal wirklich das Gefühl gehabt: „Schade, dass das Spiel zu Ende ist?“. Für mich war dieser Augenblick zuletzt mit Final Fantasy X. Die letzten Worte Yunas zu Tidus waren einfach wunderschön, herzlich, allerliebst, einfach traumhaft schön. Nie zuvor habe ich ein „I love you“ in einem Videospiel gehört, nie zuvor war es einfach passender gewählt. Nur die Kussszene im Macalania Wald (auch FFX) war noch schöner – und genau solch tolle, einschneidende Momente braucht die Videospielindustrie. Alles läuft nur noch auf Gewalt hinaus. FF ist auch nicht mehr das, was es mal war. Liebe in Videospielen? Vielleicht nur noch auf dem Papier. Jetzt steht die Action, das Stillen grafikgeiler auf dem Programm.
Die Nintendo Wii macht es genau richtig. Sie trifft nicht nur einen Nerv bei absoluten Non-Gamern, sie hat auch mich als eher konservativen Spieler wirklich wieder dazu bewegt, mehr in meiner Freizeit mit Videospielen zu verbringen. Mittlerweile aber realisiere ich auch bei Nintendo, dass die Luft vorerst raus ist. Der Schleier, den man sich umgelegt hat, ist nun gefallen und zeigt ein unschönes Gesicht: Langeweile, Einheitsbrei, keine Ideen und zu wenige gute Spiele! Allerdings scheint Nintendo dieses Problem bald wieder in den Griff zu kriegen. Es würde schon reichen, wenn Mario Kart, Super Mario Galaxies, Super Smash Bros. Brawl oder auch Metroid Prime 3 genial werden. Sollten sie alle toll sein, wäre Nintendo wieder genau da, wo sie angefangen haben: Auf einer Hypewelle sondergleichen.
Nun. Ist die Videospielindustrie noch zu retten? Ja, das ist sie in der Tat. Wenn sich alle Entwickler mal Gedanken machen, wie man ein Spiel interessanter machen kann, dann haben sie den ersten Schritt zu besseren Spielen und mehr Spaß geleistet. Wenn sie Spiele simplifizieren, dann ist das auch richtig. Wenn sie dann noch Innovation reinbringen, dann wäre das ein Non-plus-Ultra. Wenn dann auch noch das Drumherum stimmt, hätten wir einen Langzeit-Hit, der auch länger als 10 Stunden „Spaß“ machen kann. Nur so kann die versalzene Suppe wieder gerettet werden. Falls das nicht in den kommenden – meine Einschätzung – fünf Jahren passiert, sehe ich die Videospielindustrie auf einem absteigenden Ast.